Wachsame Grenzkörper: Grenzen als ästhetische und materielle Verkörperungen von Vigilanz

Wachsame Grenzkörper: Grenzen als ästhetische und materielle Verkörperungen von Vigilanz

Catherine Whittaker, Eveline Dürr (München)

Dieses Panel rückt ästhetische und materielle Dimensionen von Grenzen in den Mittelpunkt und geht der Frage nach, inwiefern diese als spezifische Verkörperungen von Vigilanz betrachtet werden. Die Errichtung und Verstärkung physischer Grenzen im Zusammenspiel mit sich stetig ausdifferenzierenden Vigilanztechnologien und -praktiken können als Antworten auf sich wandelnde Immigrationspolitiken verstanden werden, ebenso wie auf die Transformation von Bürgerschaftsrechten und Zugehörigkeiten.
„Vigilanz“ definieren wir als eine Form der Wachsamkeit, die durch spezifische Werte und Verpflichtungen motiviert ist und die gleichzeitig konkrete Maßnahmen hervorbringt, um diese Werte zu schützen und zu verteidigen. Vigilanz ist somit als eine Assemblage von Moralvorstellungen, Zugehörigkeit, erhöhter Aufmerksamkeit und sozialer Praxis zu verstehen, die sich in bestimmen gesellschaftspolitischen Kontexten, konkreten Räumen und Technologien situiert und von diesen sowohl ermöglicht wird als auch diese prägt. Wachsamkeit, oft als Pflicht eines guten Staatsbürgers verstanden, bestimmt nicht nur alltägliche Praktiken, sondern formt eben auch die materielle Kultur und die ästhetische Beschaffenheit eines Grenzraumes. Dies wirft die Frage auf, wie verschiedene Grenzmaterialitäten und -ästhetiken bestimmte Vigilanzformen und Identitätspolitiken spiegeln und teilweise auch veralltäglichen.
Welches Verständnis von Vigilanz und Identität äußert sich beispielsweise durch die Priorisierung eines bestimmten Mauertyps durch die US-amerikanische Regierung? Und umgekehrt, welche Erkenntnisse bezüglich Vigilanz und Identität können aus den Bestrebungen zur Verhinderung des Mauerbaus gezogen werden? Wie drücken Mauern und andere Grenzkörper durch ihre Materialität und Ästhetik verschiedene, oft verschachtelte Formen von Vigilanz aus? Welche Vorstellungen von Staatsbürgerschaft und Zugehörigkeit sind damit verbunden?
Dazu kommt eine weitere Betrachtungsebene, die stärker die soziale Praxis in den Blick nimmt. Denn für MigrantInnen oder diejenigen, die fälschlicherweise als solche wahrgenommen werden, sind Grenzen nicht nur physische Barrieren. Grenzen werden auch durch vielfältige Formen der sozialen Ausgrenzung hergestellt und von MigrantInnen sowie von anderen phänotypischen ‚Fremden‘ verkörpert. Diejenigen, auf deren Körpern die Grenzlinien von Staatsbürgerschaft und Zugehörigkeit ausgefochten werden, müssen wachsam sein, um sich an veränderte Umstände anzupassen.
Die Materialität und Ästhetik dieser Grenzkörper wollen wir ebenfalls in diesem Panel beleuchten. So interessiert uns beispielsweise, auf welche Weise sich MigrantInnen und vermeintliche Fremde im öffentlichen Raum präsentieren und verhalten, um Verdacht und Argwohn zu vermeiden.
Unser Panel lädt zur vergleichenden Diskussion von Grenzkörpern aus verschiedenen Regionen ein. Sowohl stärker empirische als auch theoretische Beiträge werden, die wachsame Grenzkörpern mit Fokussierung auf ihre Materialität und Ästhetik beleuchten.

Vorträge

Vigilance, Suspicion and Banishment: bureaucratic infrastructures in screening social assistance and “integration” in Switzerland

Luca Pfirter (Neuchâtel)

Deutsche Behörden als Grenzwächter und die soziale Praxis ihrer Vigilanz

Irene Götz, Alena Zelenskaia (München)

Border radio: news from elsewhere

Klaus Benesch (München)

Grenzen als Spuren

Ralf Leipold (Erfurt / Jena)