Permeables Denken als Neukonfigurierungsprozess für Grenz- und Ordnungssysteme. Ein interdisziplinärer Dialog zur Idee des Membranen

Permeables Denken als Neukonfigurierungsprozess für Grenz- und Ordnungssysteme. Ein interdisziplinärer Dialog zur Idee des Membranen

Karin S. Amos (Tübingen), Ralf Michael Fischer (Trier/Tübingen), Andrée Gerland (Tübingen)

Auf der Suche nach einem Konzept, das die Idee der Grenze um das Moment der Durchlässigkeit erweitert, wurde im Mai 2019 an der Akademie Schloss Solitude in Stuttgart das Denkmuster der Membrane praxisnah erprobt. Im Rückgriff auf den Historiker Achille Mbembe sollten Grenzen als unter dem „Gesetz der Durchlässigkeit“ stehend verstanden werden – also in ihrer permanenten, wenn auch restriktiven Überschreitbarkeit. Vor allem durch die Intervention des Autors und Ökonomen Felwine Sarr wurde der Membrane-Ansatz auf afrikanische Szenarien übertragen und hierbei insbesondere im Hinblick auf seine historischen und künstlerischen Dimensionen betrachtet. Es zeigte sich jedoch, dass die Aspekte und Fragestellungen, die mit dem Begriff der Membrane einhergehen, theoretische Potenziale offenbaren, um Grenz- und Ordnungssysteme in Alltag, Politik und Ästhetik aus unterschiedlichen disziplinären Perspektiven grundlegend und weitgreifender zu hinterfragen bzw. neu zu konfigurieren: So kann in der Literaturwissenschaft an Ansätze aus der Kulturtransferforschung angeknüpft werden, die seit der Einführung von Michel Espagne und Michael Werner im Jahr 1985 etabliert wurden. Fragen nach Bedingungen, Gelingen und Folgen des Transfers bekommen durch die Idee der Permeabilität neue Impulse: Welche Rolle spielt Durchlässigkeit im Kulturaustausch und wie lässt sie sich bemessen? Was fungiert als Membran – und kann ihre biologische Metaphorik als ein produktives Modell für die kulturelle Beschaffenheit dienen? Ist gar ein neuwertiges Paradigma in der postkolonialen Alteritätsforschung anstoßbar? Auch die Pädagogik kann mithilfe des Permeablen ihre eigenen (disziplinären) Grenzziehungen, die oftmals nur marginal zur Debatte gestellt werden, neu bewerten. Wie schon in Siegfried Bernsfelds beinahe vergessenem Werk Sisyphos: Oder die Grenzen der Erziehung (1925) geht es darum, den konservativen Charakter der Erziehungsinstitutionen und die sozialen Spaltungsprozesse der Pädagogik zu hinterfragen und ihnen mit der Membran ein Ordnungsmodell entgegenzusetzen, welches das Ideal der humanistischen Bildung erweitert, das Durchlässige zum Beispiel in der Mensch-Tier-Relation betont und schließlich sogar als Imperativ für die Revision grundlegender Forschungstermini fungiert. Dass das Konzept des Membranen nicht nur dazu beiträgt, die Auslegung der Dialektik von Grenz- und Ordnungssystemen zu erweitern, sondern ihr Bestehen ästhetisch zu kritisieren, offenbaren viele Kunstwerke (incl. Bewegtbildmedien) durch die Reflexion von ästhetischen Grenzen zwischen Bild- und Realräumen. In den interdisziplinären Panel-Dialog soll deshalb auch dieser zentrale Gegenstand der Kunstwissenschaft mit seinen raumtheoretischen Implikationen einbezogen werden. Besonders geeignet sind Beispiele, welche die US-amerikanische Frontier oder die Grenze zwischen den USA und Mexiko problematisieren, indem sie die Etablierung und Auflösung gesellschaftlicher und politischer Grenz- und Ordnungssysteme mitsamt ihren Folgen für den Alltag mithilfe von genuin destabilisierten ästhetischen Grenz- und Ordnungssystemen kritisieren – darunter das Materialbild „The Lost Frontier“ (1997–2005) von Llyn Foulkes, der Spielfilm „Lone Star“ (1996) von John Sayles oder die Map-Paintings (1992–2000) der indigenen Künstlerin Jaune Quick-to-See Smith, die sich, partiell ökokritisch, durchgehend gegen Rassismus und kommerzorientierte Ressourcenausbeutung wenden. Ziel des Panels ist es, durch das Konzept des permeablen Denkens eine alternative und dennoch adäquate Beschreibungsform für Grenz- und Ordnungsphänomene multiperspektivisch zu erkunden. Aufgrund der Simultaneität von Filter- und Durchlässigkeitsfunktion sollen im Rahmen eines interdisziplinären Dialogs, der sich selbst als praktische und selbstreflexive Anwendung permeablen Denkens im Sinne der Membrane-Metapher versteht, insbesondere auch dialektische Momente des "b/ordering" herausgestellt werden.

Vorträge

Impulse permeablen Denkens für aktuelle Diskurse der Kulturtransfer- und Kulturidentitätsforschung

Andrée Gerland (Tübingen)

Nordamerika als kulturelles Palimpsest – die Map-Paintings von Jaune Quick-to-See Smith als ästhetische und politische Kritik

Ralf Michael Fischer (Trier/Tübingen)

Akute permeable Imperative in der Pädagogik. Eine Skizze

Karin S. Amos (Tübingen)