Medialität und Repräsentation ab 1989

Medialität und Repräsentation ab 1989

Hedwig Wagner (Flensburg)

An der Schnittstelle von Digitalisierung und Globalisierung konturieren sich in den Literatur- und Medienkulturwissenschaften aktuell neue Perspektiven auf den Begriff der Grenze, die sich teils aus den neuen Technologien und Praktiken der binnen- und außereuropäischen Grenzüberwachung (Hofmann 2014; Vaughan-Williams 2015; Walters 2017), teils aus neuen Entwicklungen innerhalb der Fächer geradezu aufzwingen. Die Wechselwirkungen zwischen fachlichen Innovationen, wie sie gerade durch neue Fachrichtungen wie die kulturwissenschaftlichen Border Studies (Gerst et al. 2018; Wille et al. 2016) in die Literatur- und Medienwissenschaften hinein getragen werden, und den anhaltenden gesellschaftlichen Transformationen (insbesondere durch die nicht zur Ruhe kommen wollenden Veränderungen durch Migration) fordern eine grundlegende Revision des Begriffs der Grenze ein (Schramm 2018; Moslund et al. 2015). Dieser gehört nicht allein in den Literatur- und Medienwissenschaften theoretisch und thematisch zum Grundbestand (Strukturalismus/Poststrukturalismus, vgl. Kogge 2003 f. den Strukturalismus; Wilson/Donnan 2012; Wastl-Walter 2011 f. den Poststrukturalismus, Foucault 1974; Dekonstruktion, Derrida 1979, Derrida 1996), er ist auch im Zusammenhang raum- und kulturphilosophischer Diskussionen (Döring/Thielmann 2008, Günzel 2008, Günzel 2010, Bauer/Rahn 1997; Kleinschmidt/Hewel 2011) von grundlegender Bedeutung. Das Zusammenfallen von exponentiell wachsender Migration und digitaler Revolution – beides Entwicklungen von globaler Reichweite, die noch keineswegs zum Abschluss gekommen sind – fordern die Konvergenz unterschiedlicher Perspektiven und die Transformation analytischer Ansätze geradezu ein. Dies wird an Beispielen wie der Verlagerung des Vollzugs der Grenze ins Innere des Territoriums (Grenz- und Zollkontrollen im Binnenland) oder den Überwachungstechnologien im Mittelmeerraum mehr als deutlich. Doch auch abgesehen von der gegenwärtigen Herausforderung, die von diesen Prozessen ausgeht, steht angesichts der nun offenbar gewordenen enormen Spannbreiten und Reichweiten, die Vorstellung und Vollzug von Grenze für Identitäten, kulturelle Ordnungen, Fragen der Darstellung und Darstellbarkeit besitzen, eine Revision des Begriffs der Grenze im Kontext Europas an (Hoffmann/Messling 2017; Eigmüller 2018; Franz/Lehners 2013; Wehler 2008). Dem Panel geht es darum, neue Ansatzpunkte und Schnittstellen für die Adaption von Theorieimpulsen in die Literatur- und Medienwissenschaft hinein zu erarbeiten. Dabei gilt es, insbesondere ab der Zäsur 1989 die Ambivalenz von Medialität und Repräsentation zu berücksichtigen: Medientechnologien (Dispositive, Apparaturen, Algorithmen, infographische Erfassungen) des Grenzschutzes, neuerdings auch die Big Data-Prozessierung, die institutionell gestützt und juristisch geregelt sind, versuchen, das Grenzregime zu fixieren. Gleichzeitig entstehen Reflexions- und Widerstandsbestrebungen im gesellschaftlichen, politischen Feld durch literarische und künstlerische Darstellungen von Grenzen. Interessant sind hier literarische bzw. sonstige (filmische, cross-media, Performance etc.) Verfahren der Offenlegung von Exklusionen und Gewalt sowie die Einforderung der Durchlässigkeit von Grenzen. Umgekehrt gibt es aktuell aber auch Reaktionen auf die  Verunsicherung durch die neue Durchlässigkeit der Grenzen – sowohl auf der Seite der Überwachungstechnologien und der politischen Praktiken der Grenzziehung, etwa in der Diskussion um die Einrichtung von Sammellagern (einer klassischen Form der ‚inkludierenden Exklusion‘ nach Michel Foucault (Foucault 1988) oder des Lagers als Nomos der Moderne (Agamben 2002), als auch im Bereich literarischer und medialer Darstellungen, die sich mit Ängsten, Homogenitäts- und Abschottungsphantasien im Zusammenhang von Migration befassen. Beiden Entwicklungsrichtungen sollen die Vorträge Rechnung tragen, indem sie Empowerment-Strategien, deliberativen Techniken und medial-ästhetischer Ausgestaltung von Grenzziehungen und Grenzräumen nachgehen.

Vorträge

Die Gedenkfeierlichkeiten 2020 zu 100 Jahren deutsch-dänische Grenze und die Frage der „Wiedervereinigung“ von Nordschleswig mit Dänemark

Jon Thulstrup (Odense)

100 Jahre Friedensgrenze?

Thomas Wegener Friis (Odense)

Grenzraum als Experiment – Transitorische Formen in europäischen Übergangszonen

Iulia Patrut (Flensburg)

Mediale Blickregime im europäischen Grenzraum

Hedwig Wagner (Flensburg)