Innenwelt, Aussenwelt und das Dazwischen – Subjekt und soziale Formen als Grenzverhandlungen

Innenwelt, Aussenwelt und das Dazwischen – Subjekt und soziale Formen als Grenzverhandlungen

Wolf-Dietrich Sahr (Paraná)

1969 wies Peter Handke in seiner Gedichtsammlung „Die Innenwelt der Aussenwelt der Innenwelt“ in poetischer Form auf die Verschachtelung sozialer Formen zwischen Subjekt und Gesellschaft hin. Die jüngste Diskussion um die „postmigrantische Gesellschaft“ (FOUROTAN, YILDIZ) nimmt eine solche Verbindung von Innen und Aussen wieder auf, wobei sich einige philosophische Theorien wie die Sphärentheorie von P. SLOTERDIJK, oder die Idee der Segmentarisierung durch Molarität und Molekularität in den „Plateaus“ von F.GUATTARI und G. DELEUZE an dieser Grenzschicht abarbeiten. Zweifellos vervielfältigen sich in einer immer mobileren Gesellschaft die Möglichkeiten der Persönlichkeitskonstruktion. Gleichzeitig verstärken sich aber auch, durch globale und virtuelle Netzwerke, kulturelle Abgrenzungen, so dass in der postmigrantischen Gesellschaft - so scheint es zumindest – Bi- und Multikulturalität keineswegs abnehmen. Auf der individuellen Ebene kommt es also nicht zu einer Assimilation oder Integration (wie ältere Migrationstheorien quasi-natürlich postulierten), sondern Differenzen können (müssen aber nicht) durchaus gesellschaftlich relevant beibehalten werden, ja sie können sogar gesellschaftsbildend wirken. So entstehen Positionierungen unterschiedlicher Teilhabe, sei es der Anamnese, der Überassimilierung, der Widersprüchlichkeit, der Isolierung, der Folklorisierung oder als „Zaungast“ im Rahmen der eigenen/anderen Gesellschaft. Handke zeigte schon in den 1960er Jahren, wie nach dem Zweiten Weltkrieg massive Migrationsbewegungen von Kriegsflüchtlingen und später „Gastarbeitern“ das soziale und emotionale Leben der alten Bundesrepublik grundlegend veränderten. Ähnliches liess sich im selben Zeitraum auch in den kolonialen Metropolen beobachten, wo sich die ehemals kolonisierten Kulturen ebenfalls in neuer Form etablierten (z. B. die Black Britons in Grossbritannien, die Beurs in Paris). Auch in alt-postmigrantischen Gesellschaften (Kanada, USA, Südamerika) verstärkten sich seit den 1980er Jahren ethnische Traditionalisierungen oder Folklorisierungen (vgl. „Rise and Fall of the Ethnic Revival” von FISHMAN et al., 1985). Insofern griffen Handkes sensible Beobachtungen weit in die Zukunft voraus. Denn sie widmeten sich einem heute extrem wichtigen Detail der „Migrations-Debatte“, das ist die persönliche und kulturelle Positionierung in einer pluralen Gesellschaft. Gerade angesichts der aktuellen politischen Reterritorialisierungen gewinnt das Problem der Grenzverhandlung von Innen und Aussen, von Selbst und dem Anderen, für die eigene Persönlichkeitsstruktur, aber auch für die Integrationsmotivation an Bedeutung. Wir möchten zu dieser Debatte beitragen und öffentlich diskutieren, wie postmigrantisch Außengrenzen und Widersprüche internalisiert und gesellschaftlich generierend wirken, dies sowohl mit theoretischen Überlegungen als auch an Fallbeispielen.

Vorträge

Die Innen-Aussenspannung als generatives Prinzip von Grenzlandschaften: Überlegungen am Beispiel Südtirol

Tobias Boos (Bozen)

Pommer, Pomerano oder Brasilianer: Sprachliche Repräsentationen einer komplexen Identität

Göz Kaufmann (Freiburg)

Kolonisationsprozesse und ihre sozioökonomischen und sozio-kulturellen Spannungen: Beispiele Agro Pontino, Italien und Rondônia, Brasilien

Wolf-Dietrich Sahr (Paraná)

Niemandsland? Transtopien und Grenzfiguren in gesellschaftlichen Umbruchsphasen

Simon Runkel (Jena)