Grenzen und Ordnungen in einem flüchtigen Europa

Astrid M. Fellner, Florian Weber (Saarbrücken)

Die Flüchtigkeit und (In-)Stabilitäten von Ordnungen und Grenz(ziehung)en in und um Europa drängen sich in den letzten Jahren ins Zentrum der Aufmerksamkeit und stellen doch keineswegs ein neues Phänomen dar. Historische, soziale, kulturelle, politische und ökonomische Entwicklungsprozesse, kognitive, emotionale und ästhetische Zuschreibungen, individuelle und soziale Deutungsmuster sowie deren Aufnahme, Ausarbeitung und (Re-)Produktion im kulturellen, medialen und künstlerischen Geschehen befinden sich in stetigem Wandel. Phasenweise erlangten und erlangen dabei unterschiedliche Diskurse besondere Wirkmächtigkeit, so wie beispielsweise Auseinandersetzungen um Geflüchtete in der Europäischen Union im Zuge des temporären Höhepunktes der so bezeichneten „Flüchtlingskrise“ im Jahr 2015. War es zwischenzeitlich um diese Thematik im Vergleich zu anderen eher wieder ruhiger geworden und sie fast alltägliche „abebbende“ Normalität geworden, ist mit Grenzsicherungen und der Frage der Seenotrettung im Mittelmeer im Jahr 2019 die vielgestaltige europäische Migrationspolitik in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt – und damit auch erneut grundlegender das Schicksal von Geflüchteten in und um Europa.
Im Kontext der Auseinandersetzung mit Flucht und Europa erlangen unterschiedliche und vielfältige Grenzziehungs- und Ordnungsprozesse zentrale Relevanz. Es geht keineswegs nur um Fragen von Inklusions- und Exklusionsmechanismen an den Außengrenzen der Europäischen Union, sondern auch um solche auf unterschiedlichen räumlichen Maßstabsebenen sowie grundlegend auf gesellschaftlicher Ebene – dies zudem auch historisch in der zeitlichen Rückschau. Nationalstaatliche Politiken in Ungarn oder Italien bleiben heute nicht folgenlos für das Gesamtkonstrukt der EU und deren etablierte Strukturen. Gleichzeitig werden Ordnungen unterlaufen, wie beispielsweise mit der Anlandung des Schiffes Sea Watch 3 Ende Juni 2019 im Hafen von Lampedusa. Mechanismen der Aufnahme und Verteilung von Geflüchteten werden etabliert, die sich konkret regional und lokal äußern – und dabei gesellschaftlichen Widerhall finden. Im Alltag treffen Menschen unterschiedlicher Herkunft aufeinander, wobei hier scheinbare Grenzen herausgefordert und überwunden werden.
Die angerissenen Beispiele verdeutlichen bereits, dass eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Flucht und Europa hochkomplex und vielfältig ausfallen kann. Unser Anliegen besteht darin, sich dem Themenkomplex aus der Blickrichtung der Produktion und Reproduktion von Grenzen und Ordnungen sowie deren Relationierungen anzunähern. Welche Grenzen werden etabliert, infrage gestellt, übertreten, verschoben – mit welchen Konsequenzen für Ordnungen? Inwiefern tragen ästhetische Aushandlungen von Grenzen zu neuen Ordnungen bei? In welchen kulturellen, medialen und künstlerischen Produktionen wird das aktuelle Reibungsfeld von Grenzen und Ordnungen erlebbar?
Bereiche, die in diesem Zuge entsprechend eine Adressierung erfahren können, umfassen historische wie aktuelle Fragestellungen, betreffen Materielles wie Immaterielles, Diskursives wie Praktisches – mit Blick aus ebenso wie auf Europa. In unserem Panel möchten wir damit Aspekte um flüchtige Grenzen und Ordnungen in und um Europa diskutieren und bitten entsprechend um Vortragsvorschläge, die die skizzierten Aspekte adressieren und zu deren Bearbeitung beitragen.

Vorträge

Borders, Boats and Mobility: John Lanchester’s The Wall

Ewa Macura-Nnamdi (Katowice)

Border Unknowing: Performing Ignorance and Rejecting Humanity in the European Refugee Crisis

Lynn Mie Itagaki (Columbia)

Un/doing borders in liminal zones? Die Grenzpraktiken des „Flüchtlingslagers“

Anett Schmitz (Trier)

Paneuropäisches Gedächtnis und intraeuropäische Grenzüberschreitungen

Sophia Mehrbrey & Jonas Nesselhauf (Saarbrücken)