Grenzen ordnen: Dynamiken von Ordnungsgrenzen und Grenzordnungen

Christian Banse (Göttingen), Dominik Gerst (Duisburg-Essen)

In welchem systematischen Verhältnis stehen Grenzen und Ordnungen? Wie komplex und dynamisch kann dieses Verhältnis gedacht werden? Und wie lassen sich die Grenz- und Ordnungsvorstellungen charakterisieren, die diesem Verhältnis zugrunde liegen? Das Panel geht diese Fragen aus einer grenztheoretischen Perspektive an. Eine systematische Arbeit an einem Grenzbegriff fand in den Kultur- und Sozialwissenschaften im deutschen Sprachraum trotz seiner vielfachen Verwendung und Thematisierung bisher nur in Ansätzen statt. Im Panel wird diesem Mangel begegnet und dabei an einige Annahmen der Grenzforschung angeschlossen:
Erstens wird angenommen, dass gegenüber dem differenzierteren Begriffsarsenal im Englischen (border, boundary, frontier, limit, etc.) mit dem deutschen Wort ‚Grenze‘ eine Begriffsarmut vorherrscht, wenn es um die adäquate Beschreibung und analytische Nutzbarmachung von Grenzen geht. Zweitens wird immer wieder von einer Trennung von räumlich-materiellen Grenzen und der ‚metaphorischen’ Verwendung von analytischen Grenzbegriffen ausgegangen – etwa in der Trennung von staatlich-territorialen und sozio- symbolischen Grenzen. Drittens haben wir es mit der fortschreitenden Etablierung eines Mainstreams interdisziplinärer Grenzforschung zu tun, in dem bestimmten Grenzverständnissen ein geradezu paradigmatischer Charakter beim Betrachten von Grenzphänomenen zugeschrieben wird, während andere disziplinäre Grenzverständnisse wenig Beachtung erfahren.
Das Panel nimmt diese drei Aspekte zum Anlass, systematisch nach dem konzeptuellen Verständnis von Grenzen und den konkordanten Ordnungsvorstellungen in den kultur- und sozialwissenschaftlichen Disziplinen zu fragen. Nach unserem Verständnis lässt sich ein Gewinn darin vermuten, die Vielgestaltigkeit eines ‚erweiterten Grenzvokabulars’ ernst zu nehmen. Etablierte, disziplinär geschärfte Grenzverständnisse prägen eigene Ordnungen, sowohl auf der Ebene des Phänomens, als auch hinsichtlich der Wissensordnung. Eine soziale Grenze, eine nationale, eine ökonomische Grenze sind jeweils andere Demarkationen je nach disziplinärer Perspektive. So gilt es, zunächst einmal die Bandbreite an empirisch auffindbaren Grenzverständnissen (Obergrenze, Limit, Grenzwert, Aporie, Horizont, Barriere, Schwelle, Grenzeffekt, Grenzrelais etc.) festzustellen. Anhand einer vergleichenden Betrachtung der Eigenlogik solcher Grenzverständnisse lassen sich – so meinen wir – unter dem Dach einer erweiterten kulturwissenschaftlichen Perspektive differenziertere Überlegungen zum impliziten wie expliziten Verhältnis von Grenzen und Ordnungen anstellen. Dezidiert geht es dabei auch darum, ‚unbeachtete’, ‚verwischte’ oder ‚in Vergessenheit geratene’ Grenzbegriffe einzubeziehen.
Fragen, die sich aus diesen Überlegungen ergeben und im Rahmen des Panels berücksichtigt werden sollten, sind:
• Werden je nach Grenzbegriff und Verwendungszusammenhang spezifische und voneinan-der unterscheidbare Ordnungen hergestellt? Unterscheiden sich beispielsweise die Ord-nungsvorstellungen von ‚Grenzwerten’ in der Welt der Mathematik und der staatlich regle-mentierten Trinkwasserverordnung? 

• Oder bilden umgekehrt soziale Lebenswelten spezifische Grenz- und damit eigene Ord-nungsvorstellungen aus (etwa, wenn Sportler*innen ständig an ihr Limit gehen)? 

• Was bedeutet diese Diversität von Grenzvorstellungen für disziplinäre und interdisziplinäre Betrachtungsweisen? 

• Welche methodologischen Konsequenzen lassen sich herausarbeiten? Sind Grenzen etwa theoretisch gesetzte Kategorien? Kann man überhaupt so etwas wie Ordnung analytisch voraussetzen? 

• Ist es sinnvoll, von einer Grenz-Metapher zu sprechen, wenn Grenzen thematisiert werden? Bedeutet dies nicht immer, ‚Grenze’ an ihrem Idealtypus der politisch- territorialen Grenze – als physische Realität – zu messen und damit eine oftmals nicht gegenstandsadäquate ‚Realität’ oder ‚Essenz’ in die Analyse hineinzutragen?

Vorträge

Grenzen der Border Studies. Grenz- und Ordnungsvorstellungen in einem interdisziplinären Forschungsfeld

Dominik Gerst (Duisburg-Essen)

Gesellschaftliche Grenzregime der Moderne: das anthropologische Quadrat

Gesa Lindemann (Osnabrück)

Zur Ausdifferenzierung des Grenzvokabulars im Spannungsfeld von politischer Ökologie und Globalisierung

Falko Schmieder (Berlin)