Grenzen der Ordnung – Ordnung der Grenze: Ordnungsentwürfe und soziokulturelle Grenzziehungen in Istrien im 19. und 20. Jahrhundert

Daniela Simon (Tübingen)

Das Panel wird organisiert vom Projekt „Eine, Genealogie von Hybridität‘. Die Bedrohten Ordnungen Istriens“, welches Teil des Sonderforschungsbereichs 923 „Bedrohte Ordnungen“ an der Eberhard Karls Universität Tübingen ist. Das Organisationsteam sind zugleich die Vortragenden.
Im vorliegenden Panel steht die Halbinsel Istrien während ihrer späthabsburgischen Zeit (1870-1914) und im Zeitraum zwischen 1980 und 2000 im Mittelpunkt. Bereits Mitte des 19. Jahrhunderts erkannten die ersten österreichischen Ethnografen die Durchlässigkeit von kulturellen Grenzen in Istrien und verbanden sie mit Visionen über die Zukunft des Vielvölkerreichs. In dem vergleichsweise kleinen Kronland Istrien lebten laut den ethnografischen Studien etwa dreizehn verschiedene Bevölkerungsgruppen und ihre kulturellen „Vermischungen“. Doch die bald einsetzenden Modernisierungsprozesse in der Habsburgermonarchie bewirkten und verstärkten Gruppenbildungen und Abgrenzungen in der heterogenen Bevölkerung. Dies geschah durch sozialpolitische Reformen, die den feudalherrschaftlichen Strukturen entgegenwirkten und vermeintlich stabile Grenzen und Hierarchien zwischen dominanten und dominierten kulturellen Gruppen erschütterten. Dies geschah aber auch durch direkte Kategorisierungsprozesse, wie der Umgangssprachenerhebung, die auf die kulturelle Selbstverortung eines jedes Individuums alludierten und kulturelle Überschreitungsprozesse als ein permanentes Phänomen evident machten. Die schon in der Revolution von 1848 entfachte nationale Mobilisierung wirkte dazu als ein Beschleuniger der Grenzziehung und Abgrenzung.
Den Grenzziehungen und Hierarchisierungen in der heterogenen Bevölkerung stellten sich allerdings jene entgegen, die für sich ein hybrides kulturelles Dasein reklamierten und um die Wende zum 20. Jahrhundert immer stärker national/istisch orientierten Ordnungsentwürfen trotzten. Polarisierende und national mobilisierende Strategien erwiesen sich sogar vielerorts als undurchführbar, da die Bevölkerung weder sprachlich noch ethnisch klare Unterscheidungsmerkmale aufwies. Die istrische Hybridität blieb bis zum Großen Krieg ein erklärtes Problem und eine Bedrohung für die nationalen Akteure.
Die – je nach Akteursperspektive – beklagte oder verheißungsvoll verkündete Evidenz der kulturellen Hybridität in Istrien lässt sich freilich als ein Symptom einer aus den Fugen geratenen Ordnung, einer „bedrohten Ordnung“, verstehen. Ungefähr ein Jahrhundert später tauchten im istrischen Kontext erneut Diskurse und Praktiken auf, die ähnliche Probleme in der Grenzziehung innerhalb der istrischen Bevölkerung aufzeigten. Den Zerfallsprozess des sozialistischen Jugoslawiens begleiteten in seiner Region Istrien zunächst intellektuelle Diskurse über das Zusammenleben und die Hybridität in Istrien. Diese flossen zu Beginn des Jugoslawienkriegs in politische Forderungen ein und fanden ihren Ausdruck in der Politik des „Istrijanstvo“, – einer regionalautonomen Forderung unter der Erkenntnis des notwendigen Zusammenlebens aller Bewohner Istriens. So standen Hybriditätsnarrative auch in den 1990er Jahren im Zeichen eines Ordnungsentwurfs, der durch die von den politischen Zentren aus ausstrahlenden Hegemoniebestrebungen bedroht wurde.
Das Panel erörtert die diskursive und die praktische Herstellung von Grenzziehungen und Ordnungen in Bezug auf Istrien und seine Bevölkerung und die damit einhergehende Dynamik. Die Vorträge begegnen dem Verhältnis zwischen Ordnung und Grenze mit dem Analyseinstrumentarium des Tübinger Sonderforschungsbereichs 923 (SFB 923) „Bedrohte Ordnungen“. Diesem folgend werden in Zeiten der Bedrohung die Elemente einer Ordnung besonders sichtbar und es kommt zu Inklusions- und Exklusionsprozessen bzw. dazu, dass soziale Gruppen oder Gemeinschaften in neuer Weise Grenzen ziehen, neue Akteure aufnehmen, andere ausschließen – oder sich sogar neu konstituieren und etablieren. Das Ziel des Panels ist es, die soziokulturellen Grenzziehungen und Hierarchisierungen, die in einem Spannungsverhältnis mit Hybriditätsdiskursen begriffen waren, in einer Langzeitperspektive miteinander zu vergleichen. Insgesamt wird im Panel zu eruieren sein, auf welche Weise die diachronen Interdependenzen in den 1990er Jahren (so zum habsburgischen Istrien) mit dazu beitrugen, dass es zu Verschiebungen von ethnisch/sprachlich/kulturellen Grenzen, zu (Re-)Hierarchisierungen im Sozialen und zur Schaffung von Identitätsnarrativen und normativen Ordnungsentwürfen in Istrien kam.

Vorträge

Grenzziehungen und Ordnungen in Istrien - National Indifferente, Flüchtlinge und Minderheiten in den 1990er Jahren

Luka Babić (Tübingen)

Inklusion durch Hybridität – Istrianität als Ordnung und Grenze im späten 20. Jahrhundert

Lorena Popović (Tübingen)

Ordnung – Grenze - Hybridität. Die (bedrohte) lokale Ordnung in Istrien im ausgehenden 19. Jahrhundert

Daniela Simon (Tübingen)

Die Wissenschaft der Grenze: Die ‚Wissenschaft des Küstenlandes‘ als ordnungsbringender Faktor in Istrien

Francesco Toncich (Tübingen)