Grenzen überschreiten - Grenzen einhalten

Ole Kliemann, Melanie Reichert, Moritz Riemann (Kiel)

GD HS1

Albert Camus untersucht in seinem Werk „Der Mensch in der Revolte“ menschliche Irrwege, die zu ideologischen Legitimationen von Mord geführt haben. Dabei fällt auf, dass gerade solche Philosophien, die die menschliche Existenz vor jeder Metaphysik oder Religion an erste Stelle setzen, in ihrer Auflehnung gegen eine feindselige Schöpfung am Ende eine Rechtfertigung für den Mord liefern. Dabei sollte doch gerade dasjenige Denken, das den einzelnen Menschen als das Wertvollste erkannt hat, sich in jeder Form gegen seine Vernichtung stellen. Camus attestiert eine „Maßlosigkeit“ der Revolte: Es geht darum, auch in der Auflehnung gegen inakzeptable Umstände das richtige Maß zu halten – andernfalls droht ein Abrutschen in die Legitimation des Mordes. Heraklit nennt den Krieg den „Vater aller Dinge“, weil er die einen „zu Sklaven, die anderen zu Freien“ gemacht hat. Nietzsche findet hier einen zentralen Aspekt seiner Philosophie: Es sind die Unterschiede, die Hierarchien, durch die sich Bedeutung in der Welt manifestiert. Eine Beseitigung von Grenzen und Differenzen kommt damit immer auch einem Verlust von Bedeutung gleich. Erst Abgrenzungen erlauben die Feststellung von Identitäten. Das Leben ist nur möglich auf der Grundlage einer Differenzierung der Welt, gleichzeitig tut diese Differenzierung den Dingen Gewalt an. Leben und insbesondere Philosophieren bedeutet, diese Spannung auszuhalten, das richtige Maß zu finden. Ob man handelt oder es unterlässt, ob man abgrenzt oder vereinigt – wer lebt, macht sich immer auf die eine oder die andere Weise schuldig: Entweder als Gewalttäter gegen die Welt, als Mörder, oder als Gewalttäter gegen das Leben selbst, als Selbstmörder. Diese Positionen rücken auch die ideologiekritischen Projekte seit dem 20. Jahrhundert in ein anderes Licht. Diese haben sich doch – gerade angesichts politischer und moralischer Zusammenbrüche – auf unterschiedliche Weise am Gedanken einer „Schuld der Klassifizierung“ als prinzipiell unterdrückerischem Akt der grenzziehenden Setzung abgearbeitet. Dies reichte bis hin zum Topos der Fundamentalkritik des setzenden metaphysischen Denkens seit Platon. Neben der von Camus problematisierten Aporie der Revolte ließe sich ebenfalls nach den Konsequenzen ideologiekritischer Versuche der Grenzvermeidung für verschiedene Bereiche diskursiver Öffentlichkeit sowie für philosophisch-wissenschaftliche Methodologien und Darstellungsmodi fragen. Dieses Panel will daher die Dichotomie zwischen bordering und ordering philosophisch reflektieren. Die Vorträge können existenz- sowie kulturphilosophische Themen behandeln: Wie kann der Einzelne in einer scheinbar grenzenlosen Welt seine eigene Identität behaupten? Welche kulturellen Prozesse erlauben uns Orientierung? Und welche Prozesse unterlaufen diese Orientierung, indem sie uns zur Maßlosigkeit auffordern? Wenn es darum geht, das richtige Maß zu finden, wie lässt sich diese letztlich normative Aufgabe kritisch-reflexiv begleiten?

Vorträge

An den Grenzen der Ideologiekritik. Zur Pharmakologie kultureller Formung

Melanie Reichert (Kiel)

Leben und leben lassen. Zur Notwendigkeit der Grenze

Ole Kliemann (Kiel)

Von Mauern, Zäunen, Zonen und Räumen. Zur politischen Ästhetik der Demarkation

Moritz Riemann (Kiel)