Doing (Dis)Order: Liminalität und Schwellenerfahrungen des östlichen und südöstlichen Europa

Katharina Eisch-Angus (Graz), Sarah Scholl-Schneider (Mainz), Marketa Spiritova (München)

Grenzen teilen kulturelle Räume als Demarkationslinien normativer Machtbehauptung ebenso wie als Peripherien von Kulturen und Alltagen. Sie sind bloße Differenz, können sich aber auch zu Bedeutungs-, Funktions- und Reflexionsräumen öffnen. Als solche bringen sie soziale Praktiken und Diskurse hervor (und werden durch diese hervorgebracht) und konstruieren personale wie kollektive Identitäten. Grenzen zeichnen sich durch Ambi- und Polyvalenz aus: Sie geben Sicherheit und ordnen die Welt, sie verbinden, trennen aber auch; sie schließen ein und aus, strukturieren Machtverhältnisse und produzieren kulturelle Differenz. Mehr noch: In ihrer Übertretung weiten sie sich zu komplexen Schwellenräumen. In diesen liminalen bzw. liminoiden Zonen sind geltende (Grenz-)Ordnungen außer Kraft gesetzt. Liminale Schwellenräume sind geprägt durch Chaos, Emotion, Unsicherheit, Gewalt oder überbordende Kreativität, oder auch durch die Erfahrung von Leere, der Explosion, des Ausnahmezustands, der Verkehrung der Welt(-Ordnung), der Heterotopie. Aus diesen Grenz- und Schwellenerfahrungen wie auch daraus geknüpften Kontaktzonen wachsen Begegnungen und Erzählungen, Biografien und kollektive Gedächtnisse, die sich relational mit anderen europäischen Innen- und Außenperspektiven ins Verhältnis setzen. Dabei zeigt sich besonders an den (äußeren wie inneren) Grenzen des östlichen und südöstlichen Europas, wie Übergangsräume mit zeitlichen Umwälzungen zur Deckung kommen können – die großen Zeitenwechsel des 20. Jahrhunderts mit dem Ende zweier Weltkriege und den Revolutions- und Umbruchereignissen um das Ende des Kalten Kriegs und des jugoslawischen Sozialismus bilden dabei nur die augenfälligsten Zäsuren. Ein exemplarisches Feld stellen hier etwa erinnerungskulturell motivierte Mobilitätspraktiken, die im Rahmen von „Heimatreisen“ betrieben werden, dar. Dieses weite Teile des östlichen Europas betreffende Phänomen ist (teils stark ritualisiert) von mehrschichtigen Grenzen geprägt und besitzt das Potenzial der Herstellung neuer Ordnungen, bringt es doch in den bereisten und somit entstehenden Kontaktzonen veränderte Konstellationen und Grenzziehungen hervor. Von Interesse sind weiterhin zum Beispiel die anlässlich von Jubiläen (z.B. 1989, 1968, 1945) rituell wiederkehrenden (doch sich in Semantik und Botschaft stets wandelnden) cultural performances, in denen und durch die geltende Gesellschaftsordnungen und normative Vorstellungen (z.B. von Geschichte und kulturellem Erbe oder von Zukunftsvisionen) infrage gestellt und Veränderungen eingeklagt werden. Als vor allem in urbanen Milieus wirkende, liminoide Phänomene zeichnen sie sich durch kreative, ver-rückte und karnevaleske, emotional geladene und sinnlich erfahrbare Praktiken mit Mobilisierungspotential aus. Zusätzlich haben seit den Umbrüchen auch neoliberale und postsozialistische Transformationen mit der Beschleunigung und Verflüssigung kultureller Ordnungsprozesse zu neuen, intensivierten Liminalitätserfahrungen geführt. Beispielsweise rücken in populistischen Bewegungen oder im Erleben permanenter Risikozustände Politik und Subjektivität näher zusammen, was auf die Persistenz liminaler Zustände besonders in den Regionen des östlichen und südöstlichen Europas zurückverweisen kann. Das Panel bringt ethnografisch-kulturanalytisch und semiotisch Forschende zu Grenzen und Schwellen des östlichen und südöstlichen Europa aus unterschiedlichen Innen- und Außenperspektiven zusammen zum gemeinsamen Nachdenken über Liminalität und die Wechselbeziehungen von Grenzziehung und Umbruch in Raum, Zeit, kulturellem Gedächtnis, Narration und alltagskultureller Interaktion.

Vorträge

Kalte Grenzen, heiße Schwellen: Gedächtnisweisen des Kalten Kriegs in kulturellen Grenzkonstellationen des gegenwärtigen Europa

Katharina Eisch-Angus (Graz)

Liminale Räume und liminale Akteur*innen. Über Kontaktzonen zwischen Menschen und Straßenhunden in Podgorica

Elisabeth Luggauer (Würzburg/Graz)

„Rüberfahren“. Das östliche Europa als biografisch-touristische Destination

Sarah Scholl-Schneider (Mainz)

Doing Disorder: Gedenkveranstaltungen als Phänomene des Liminoiden in Tschechien

Marketa Spiritova (München)