Da-Zwischen: »Jüdisches Denken« und die Wissensordnungen der Moderne

Da-Zwischen: »Jüdisches Denken« und die Wissensordnungen der Moderne

Liliana Ruth Feierstein (Berlin), Teresa Koloma Beck (München), Kristin Platt (Bochum)

Das Panel widmet sich Perspektiven jüdischen Denkens in den deutschsprachigen Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften, und damit einem Feld, in dem die Emergenz von Wissensordnungen in Ab- und Ausgrenzungsprozessen sowie die Interdependenzen zwischen b/orders of knowledge und b/orders of power in besonderer Weise sichtbar werden.
Die Beiträge rekonstruieren die Wechselbeziehungen eines um Unabhängigkeit ringenden säkularen jüdischen Denkens, das sich seit dem 17. Jahrhundert entwickelte. Sie beleuchten jenen Moment im späten 19./frühen 20. Jahrhundert, zu dem dieses Denken erstmals aktiv die Bühne der deutschsprachigen Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften betritt, und thematisieren daran anschließende Ein-, Ab- und Ausgrenzungsdynamiken.
Fluchtpunkt der Diskussion ist die Beobachtung, dass sich „jüdisches Denken“ an den Grenzen von Wissensordnungen, Denksystemen und Diskursen konstituiert(e). Diese Positionalität des „Da-Zwischen“ ist jedoch mehr als ein durch gesellschaftliche oder politische Bedingungen vorgezeichnetes Apriori. Vielmehr wird die aktive Konstruktion von Räumen des „In Between“ ein zentrales Merkmal des Denkens. Dies zeigt sich in der Bedeutung, die relationale Figuren in historischen, philosophischen und soziologischen Studien jüdischer WissenschaftlerInnen gewinnen: In der Einforderung eines Raumes zwischen „Nähe“ und „Distanz“, den Georg Simmel beschreibt und Karl Mannheim weiterentwickelt, den Aby Warburg aus zeitlichen und generationalen Abfolgen herauslöst und Sigmund Freud in das Innere des Menschen verlegt; oder auch im Zweifel an der Objektivität von Kultur und Wissen sowie der Entdeckung der symbolischen Formung von Erfahrungen durch Ernst Cassirer. Diese und ähnliche Denkfiguren zielen auf die Ausdehnung, Erweiterung und Vervielfältigung von „Grenzen“ sowie auf deren Redefinition als nicht nur räumlich trennend, sondern auch abstrakt schützend. Damit stellten sie das „jüdische Denken“ in ein Spannungsverhältnis zu im zeithistorischen Kontext dominierenden Strömungen.
Während die ideengeschichtliche Entwicklung der „Wissenschaft des Judentums“, die das Ziel innerjüdischer Aufklärung mit dem der Integration in die modernen Wissenssysteme Europas verband, in der deutschsprachigen Forschung gut aufgearbeitet ist, interessieren sich die Beiträge des hier vorgeschlagenen Panels für die Wechselbeziehungen zwischen Wissensordnungen sowie zwischen Ordnungen des Wissens und Ordnungen der Macht, und sie legen dabei eine praxeologische Perspektive an: Welche Verfahren der Herstellung von Einheitlichkeit, Kohärenz und Autorität sichern Wissensordnungen ab? Welche Praktiken legitimieren Ein- und Ausschlüsse? Diese Fragen spielen innerhalb des „jüdischen Denkens“ eine zentrale Rolle und sind zugleich entscheidend für die spezifische Situiertheit des Denkens innerhalb der Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften.
Letztere ist aus heutiger Sicht durch Verlust geprägt: An den Rand der Wissensordnung und der politischen Ordnung gedrängt, verließen viele jüdische WissenschaftlerInnen Deutschland und kamen nicht zurück. Andere überlebten die Zeit des Nationalsozialismus nicht, nach dessen Ende blieb der Status ihrer Forschungen prekär, sodass viele Arbeiten in Vergessenheit gerieten. Doch zeigt die Geschichte „jüdischen Denkens“ auch, dass der Rand der Ordnung nicht nur ein Ort der Ausgrenzung und Repression, sondern auch ein Ort kreativer Produktivität sein kann: Gerade weil dem „jüdischen Denken“ Institutionalisierung verwehrt blieb, gingen aus dieser Tradition zentrale Beiträge zur heute als kanonisch angesehenen deutschen Geistesgeschichte hervor. AutorInnen wie Sigmund Freud, Georg Simmel, Franz Baermann Steiner, Franz Boas, Ernst Cassirer, Aby Warburg, Walter Benjamin, Vilém Flusser oder Hannah Arendt wurden nicht primär als VertreterInnen eines ’anderen Denkens’ bekannt, sondern schrieben mit an der Geschichte des Allgemeinen.
Die Beiträge des Panels suchen, diese komplexen Prozesse des ordering und bordering jüdischen Denkens in den deutschsprachigen Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften aus der Innen- wie auch aus der Außenperspektive auszuleuchten.

Vorträge

Zeitfiguren eines Zwischenraums

Kristin Platt (Bochum)

Dazwischen oder von außen. Franz Baermann Steiners und Jacob Taubes‘ Annäherungen an einen Begriff der Kultur

Jörn Ahrens (Gießen)

Die Zentralität der Ränder

Liliana Ruth Feierstein (Berlin)

Jüdisches Denken und die deutschsprachige soziologische Theorie

Teresa Koloma Beck (München)