Bordermatter. Die Materialität von Grenzen

Bordermatter. Die Materialität von Grenzen

Hannes Krämer (Duisburg/Essen)

Das Panel fragt nach der Materialität von (territorialen) Grenzen. Als eine spezifische Form von Differenzsetzung werden Grenzen in der aktuellen Border- und Boundary-Forschung als multidimensionale und komplexe Gebilde begriffen. Soziale, symbolische, rechtliche und andere Grenzdimensionen und deren Zusammenspiel rücken so in den Fokus. Der Aspekt der Materialität allerdings wurde bislang eher vernachlässigt. Dabei scheint sich im Fall von Grenzen gerade an der Materialität vieles zu verdeutlichen respektive zu entzünden, wie Praxis und Diskurs um Trumps Mauer, um die Einzäunung der Balkanroute oder um symbolträchtige Grenzbrückenbauten zeigen. Daher rückt das Panel das Augenmerk auf die physischen und objektualen Bedingungen, Ressourcen und Effekte von Grenzziehungen. Materialität, verstanden als Dinglichkeit und Artefaktgebundenheit kultureller Wirklichkeit, markiert den Beobachtungsstandort, von dem aus im Panel Grenzziehungen analysiert werden. Materialitäten sind dabei nicht als objektive Gegebenheiten, sondern als soziokulturelle Dinge und Artefakte zu perspektiveren. Berge, Flüsse, Mauern, Straßen, Rohre, Zäune, Drähte, Schranken, Aktenordner, Schilder, Pässe, Boote, Rettungswesten, Konsumgüter etc. fungieren zum einen als bedeutungsvolle Objekte im Kontext alltäglicher Grenzpraxis. Ein Fluss wird etwa durch symbolische Handlungen (Sprechen, Schreiben, Inszenieren) als Demarkationslinie verankert oder wiederum durch andere Praktiken in dieser Bedeutung unterlaufen. Zum anderen treten Materialitäten als kulturelle Objektivationen von Grenzen auf. Grenzen erscheinen immer auch, bis auf Widerruf, als stabile Zusammenhänge, welche Akteur*innen zuweilen als wirkmächtige Selbstverständlichkeiten gegenüberstehen. Mauern etwa repräsentieren nicht bloß, sondern manifestieren (temporär) eindeutige und unverrückbare Gebietsansprüche. In beiden Fällen interessiert auch die spezifische Materialität der Objekte, also die Frage, inwiefern die physische Beschaffenheit der Grenzobjekte bzw. der Objekte der Grenze verschiedene Trennungs- und Verbindungsleistungen ermöglicht. Ein Drahtzaun etwa erlaubt mehr Durchblicke als es eine Betonmauer möglich macht. Das Panel lädt ein, die vielfältigen Konfigurationen materieller Grenzziehungen in den Blick zu nehmen. Das Hauptaugenmerk liegt dabei auf raumphysischen Grenzen, ohne allerdings die Beiträge darauf beschränken zu wollen. Das Panel will die Breite konzeptioneller sowie empirischer Forschungen zum Thema aus unterschiedlichen Disziplinen – wie etwa der Literaturwissenschaft, Philosophie, Soziologie, Ethnologie, Geschichtswissenschaft, Geografie, Politikwissenschaft – versammeln und die Diskussion anhand der von den Veranstalter*innen vorgeschlagenen Dreiteilung synchron wie diachron behandeln: • Alltag: Wie sieht die materielle Kultur in der alltäglichen Grenzpraxis aus? Welche Gerätschaften, welche Architekturen, welche Anordnungen prägen den Grenzalltag? Welche Objekte kommen in welcher Weise zum Tragen (bspw. Pässe, Smartphones, Erinnerungsstücke)? • Politik: Wie werden materielle Artefakte und Dinge eingesetzt, um politische Nicht-Zugehörigkeiten herzustellen? Welche materialen Formen von Protest (bspw. Zäune einreißen, Mauer erklimmen, Zeichen tragen) lassen sich bestimmen? Wie sind Materialitäten an der Aufrechterhaltung politischer Ordnungen und Normen beteiligt und welchem Wandel dabei unterworfen? • Ästhetik: Wie werden Grenzen ästhetisch repräsentiert; welche Ressourcen ästhetischer Grenzmodifikation stehen zur Verfügung? Wie wirkt die materiale Ästhetik der Grenze (bspw. als bedrohlich, hoffnungsfroh, nüchtern)? Welche Affektkonstellationen werden durch die Grenzartefakte begünstigt? Die Fragen sind nicht erschöpfend, sondern deuten mögliche Themen an. Es sind sowohl vergleichende Studien als auch Einzelfallanalysen erwünscht. Das Ziel des Panels ist es, erstens die Vielfalt von Forschungsthemen und -ansätzen zum Verhältnis von materieller Grenzziehung und Ordnungsbildung abzubilden und zweitens eine Debatte zu einer stärker vergleichenden Beschreibung anzustoßen.

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