Bevölkerungs- und Bürgerwissenschaft - Wissenskulturelle Grenzgänge in der Corona-Krise

Sektion Wissenskulturen: Alfred Nordmann (Darmstadt), Serjoscha Ostermeyer (Lübeck), Birgit Stammberger (Magdeburg)

Die Corona Krise war und ist von Aushandlungsprozessen gekennzeichnet, in denen es um Grenzziehungen geht – das Öffnen und Schließen nationaler und regionaler Grenzen, die Ausgrenzung des Öffentlichen, das trennende Abstandhalten und die scharfe Diskriminierung von Familienhaushalten und "Gruppen". Wir laden dazu ein, diese Aushandlungen in Bezug auf mobilisierte Wissensbestände und -autoritäten zu betrachten, formale und informelle Lernprozesse nachzuvollziehen und dabei vor allem epistemische Normkonflikte zu betrachten. Diese Konflikte vollziehen sich zwischen dem in Sozialtechniken sedimentierten allgemeinen Hygienewissen, der Epidemiologie und Virologie als statistisch verfassten Gesamtbevölkerungswissenschaften, und den in makerspaces, fab labs, hackathons, repair cafes, Schülerwerkstätten organisierten Bürger(initiativ)wissenschaften. Wie wurde und wird welches Wissen geltend gemacht oder disqualifiziert, als Ergänzung oder Konkurrenz ins Spiel gebracht, und wie wurden und werden Geltungsansprüche an Werte gebunden (Gesundheit, Gemeinschaft, Gerechtigkeit, Nachhaltigkeit, Demokratie, Volkswirtschaft, soziale Gleichheit oder Inklusion)? Beispiele hierfür sind die Diskussionen um den Nutzen von Mundschutzmasken, zur "Corona tracking app", zu den durch Eingrenzungsmaßnahmen produzierten (Gesundheits)Risiken, zum Management-Ziel einer Verflachung der Kurve der Infektionsrate, zu Vorannahmen der Quantifizierung. Wie kann es sein, dass in den Informations-, Risiko-, Wissensgesellschaften des 21. Jahrhunderts weitgehend unhinterfragt zunächst die ordnungsrechtliche, gesundheitspolizeiliche Bevölkerungswissenschaft des 19. Jahrhunderts tonangebend wurde? Schließlich: welche Theoriebildungen von Foucault und Bourdieu bis hin zu Knorr Cetina oder Jasanoff erweisen sich in der Analyse des Diskurses und seiner Verschiebungen als fruchtbar? Wir wollen die Grenz- und Ordnungsproblematiken in diesem Fragekomplex in zwei Teilen diskutieren. Zunächst soll es um die Aushandlungsprozesse in unserer Gesellschaft (Deutschland) gehen, dann um internationale Lernprozesse, die sich über die geschlossenen Grenzen hin vollzogen. Im zweiten Teil geht es also auch darum, wie sich die von uns diskutierten epistemischen Normkonflikte in anderen Teilen der Welt darstellten. Als Impulsgeber sind eingeladen Cornelius Borck (Lübeck), Astrid Schwarz (Cottbus), René von Schomberg (Brüssel) sowie Stefan Böschen (Aachen). Wir wollen aber auch aus den Reihen der Sektion Kurzbeiträge mobilisieren, um eine möglichst offene kritische Bestandsaufnahme zu ermöglichen in einer historischen Situation, in der es noch keine abrundenden Großvorträge geben kann.

I. Wissenskonflikte an Körpergrenzen
Impulse von Stefan Böschen, Serjoscha Ostermeyer, Astrid Schwarz, Cornelius Borck, René von Schomberg, Birgit Stammberger und anderen

II. Virologische Landesgrenzen
Impulse von Alfred Nordmann, René von Schomberg, Astrid Schwarz, Stefan Böschen, Cornelius Borck und anderen

Vorträge

I. Wissenskonflikte an Körpergrenzen

Impulse von Stefan Böschen, Serjoscha Ostermeyer, Astrid Schwarz, Cornelius Borck, René von Schomberg, Birgit Stammberger und anderen

II. Virologische Landesgrenzen

Impulse von Alfred Nordmann, René von Schomberg, Astrid Schwarz, Stefan Böschen, Cornelius Borck und anderen