Beschwörung von Vergangenheitsspektren: deutsch-polnische künstlerische und kuratorische Perspektiven auf eine gemeinsame Grenze

Beschwörung von Vergangenheitsspektren: deutsch-polnische künstlerische und kuratorische Perspektiven auf eine gemeinsame Grenze

Marta Smolińska (Poznań)

Ziel des Panels ist die Analyse ausgewählter zeitgenössischer künstlerischer und kuratorischer Initiativen, die den historischen Wandel der deutsch-polnischen Grenze unter dem Gesichtspunkt der verlorenen Heimat thematisieren und zugleich auf die geteilten Sprachen, Mythen, die Geschichte und das Gedächtnis Bezug nehmen. Diese künstlerischen und kuratorischen Projekte greifen auch die stets offenen Fragen nach nationaler Identität und der Symbolik von Grenzen und Teilungen auf. In ihrem Kontext sind Spektren der Vergangenheit (z.B. phantom border) bedeutsam, bilden sie doch den Ausgangspunkt für die Diskussion über die deutsch-polnische Grenzregion in den Jahren 1990-2020.Die Gegenwartskunst in Deutschland und Polen bündelt zentrale Fragen, die für die Grenzregion charakteristisch und bedeutungsvoll sind. Darüber hinaus setzen sich viele Kunstprojekte gängigen und offiziellen historischen und persönlichen Narrativen entgegen. Sie können zudem – insbesondere dann, wenn sie in situ entstehen und einen ortsspezifischen Charakter aufweisen – neue Fragen generieren, die etablierte wissenschaftliche Thesen herausfordern. Dies gilt umso mehr, als sich Grenzgebiete – wie David Newman in seinen Texten zum interdisziplinären Charakter von border studies feststellen konnte – in einem Zustand permanenten Wandels befinden, was außerordentlich inspirierend auf Künstler und Künstlerinnen wirkt. Eine Grenzregion prägt Menschen auf beiden Seiten der Grenze, da sich eben dort die „Natur” der Grenze als Brücke und Ort der Interaktion im Kontrast zu ihrem etablierten Verständnis als Barriere offenbart.Die Kunst in der deutsch-ponischen Grenzregion setzt sich unmittelbar mit Grenznarrativen und Grenzprozessen (border narratives sowie bordering processes) auseinander bzw. bringt diese hervor; die künstlerischen Arbeiten machen sichtbar, dass Grenze selbst prozesshaft gedacht werden sollte (border as process) – auch wenn sie als politische Grenzlinie zumindest auf bestimmte Zeit stabil bleibt. Künstler*innen widmen sich aufmerksam den Veränderungen des Lebens, Denkens und Handelns in der Grenzregion. David Newmann unterstreicht, dass Grenzen Barrieren sind, die seit jeher überschritten wurden – die Kunst kann diesen Prozess in inspirierender Weise unterstützen. Umso mehr, da ein Grenzgebiet das Vermischen von Kulturen und die Entstehung hybrider Identitäten unterstützt, die sich unabhängig von der politischen Leitlinien des jeweiligen Staates entwickeln.Die Panelleiterin (mit Prof. Dr. Burcu Dogramaci, LMU München) erforscht künstlerische und kuratorische Praktiken an der deutsch-polnischen Grenze innerhalb eines dreijährigen Forschungsprojekts (gefördert durch das Nationale Zentrum für Wissenschaft in Polen). Diese Forschungen bilden die Basis für die Konzeption des vorgeschlagenen Panels.Im Rahmen dieses Panels sollen drei Wissenschaftler*innen und eine Künstlerin/Kuratorin vortragen: Den Auftakt bildet ein Vortrag zu Theorien und Methodologien von border art (Dr. Marcel Bleuler, Universität Salzburg), gefolgt von Vorträgen zu künstlerischen und kuratorischen Strategien an der deutsch-polnischen Grenze in den Jahren 1990-2020 (Prof. Dr. Marta Smolińska, Universität der Künste Poznań) und zu soziopolitischen und (kunst-)geschichtlichen Perspektiven in der Grenzregion (Prof. Dr. Jarosław Jańczak, Adam Mickiewicz Universität, Poznań). Den Abschluss des Panels bildet eine Präsentation zur künstlerischen und kuratorischen Praxis des Künstlerduos Peschken und Pisarsky (Anne Peschken, Berlin/Myślibórz). Das geplante Panel soll die Potenziale von Kunst für die Re-Perspektivierung von Geschichte, Politik und ästhetischen Regimen in der deutsch-polnischen Grenzregion diskutieren. Seit 1989-1990 finden viele außergewöhnliche künstlerische Initiativen an beiden Seiten der deutsch-polnischen Grenze statt, die bislang weder in der deutschen noch in der polnischen Kunstwissenschaft analysiert wurden. Wie Uwe Rada schrieb, ist das deutsch-polnische Grenzgebiet ein Gradmesser für den Stand der deutsch-polnischen Beziehung. Wenn also die künstlerischen Aktivitäten im Blick stehen, wird unweigerlich auch über die Spektren der Vergangenheit diskutiert, die mit der deutsch-polnischen Grenze eng verbunden sind.

Vorträge

«Border Art» – Künstlerische Ansätze zwischen Kunstwelt und sozialen, aktivistischen Handlungsfeldern

Marcel Bleuler (Salzburg)

Grenzzone als transition space: künstlerische und kuratorische Strategien auf der deutsch-polnischen Grenze. Ausgewählte Beispiele aus der Zeit nach der Unterzeichnung des deutsch-polnischen Grenzvertrags (1990)

Marta Smolińska (Poznań)

Kunst, Grenzen und Politik. Grenzüberschreitende Mythenbildung in einer deutsch-polnischen Border Twin Town

Jarosław Jańczak (Poznań)

Gelebtes In-Between. Grenzländische Ortspezifik in der künstlerischen Praxis anhand von zwei Kunstprojekten: ‘Achtung Steinschlag’ und ‘East-Side-Story’

Anne Peschken (Berlin / Myślibórz)