»Migrationshintergrund« als symbolische Grenzziehungspraktik

Anne-Kathrin Will, Léa Renard (Berlin)

Inzwischen hat sich der Begriff „Migrationshintergrund“ sowohl in wissenschaftlichen als auch in medialen, politischen und alltäglichen Darstellungen etabliert. Die schnelle Verbreitung des Begriffs außerhalb seines Entstehungskontexts – der Bildungswissenschaften und der Bevölkerungsstatistik – weist aus linguistischer Sicht darauf hin, dass er eine „Lücke im Sprachsystem“ schließt (Scarvaglieri/Zech 2013, S. 207). Doch welche neuen Grenzziehungen ermöglicht diese Kategorie bzw. welche Vorstellungen von Anderssein und Zugehörigkeit sind in ihr verankert? Das Panel soll im ersten Teil (Léa Renard, Anne-Kathrin Will) die offizielle Kategorisierung nach Migrationshintergrund in der Bevölkerungsstatistik als kulturelle Praxis erörtern. Was heißt Kategorisierung und inwiefern werden anhand statistischer Klassifikationen neue Ordnungen und Grenzziehungen geschaffen? Die Beiträge des zweiten Teils (Chripa Schneller, Olga Böhm) sollen sich darauf aufbauend mit der Folgenhaftigkeit der Ordnungskategorie Migrationshintergrund im Hochschulalltag und in der Lebenswelt von Zugewanderten und ihren Nachkommen auseinandersetzen. Mit dem Panel wollen wir eine Brücke zwischen Kategorisierungspraktiken in der Statistik und den alltäglichen Auswirkungen solcher Klassifikationen in der Interaktion schlagen. Wie werden Grenzen bzw. Grenzziehungen, die auf der Dimension Migration basieren, im Alltag praktiziert bzw. performiert? Lassen sich Rückweisungen i.S. von „undoing migration“, einer Ablehnung dieser Dimension durch kulturelle oder ästhetische Praktiken beobachten? Kann im Alltag „in-betweenness“ praktiziert werden, während statistische Kategorisierungen auf binären Grenzziehungen beruhen? Für die Betrachtung der kulturellen Praxis wird die Entwicklung der offiziellen Alteritätskategorie „Migrationshintergrund“ nachgezeichnet, die Wirkweisen der Kategorie als ethnische Markierung analysiert sowie der Einfluss der Wissenschaft auf (Mikro-)Zensuskategorien eruiert. Zentraler Fokus sind hierbei Kategorisierungsprozesse als boundary making (Lamont/Molnar 2002, Wimmer 2013). Wer wird trotz Migration als Nationszugehörige*r repräsentiert, wer trotz Sesshaftigkeit als Migrant*in? Welche Art natio-ethno-kultureller Zugehörigkeit (Mecheril 2002) wird damit sozial konstruiert? Dies bildet den Ausgangspunkt für eine Betrachtung der alltäglichen Auswirkungen der derzeit gebräuchlichen Unterscheidung nach Migrationshintergrund im Hochschulbereich und in der Lebenswelt von Zugewanderten und ihrer Nachkommen. Welche Bedeutung kommt der Kategorie „Migrationshintergrund“ aus Sicht der damit angesprochenen Subjekte zu und welche Artikulationsmöglichkeiten bieten sich ihnen innerhalb der durch die Kategorisierung gezogenen Grenzen? Welchen Einfluss hat die Zuschreibung Migrationshintergrund auf Identitäts- und Zugehörigkeitsvorstellungen? Nehmen Menschen, die mit ihr bezeichnet werden, die Zuschreibung als ein neues Verständnis von Deutschsein wahr oder wirkt sie als Marker für eine problematische Gruppe (Du Bois 1989(1902)), die anders ist? Die sich aus der Bevölkerungsstatistik ergebenden Logiken werden in diesen alltäglichen Kontexten mit Sinn gefüllt und prägen die Subjektivität der Beteiligten in Form von Rückkopplungseffekten (Hacking 1996) und Internalisierungsprozessen (Hall 1997). Damit ist sowohl die institutionelle (Hochschule) als auch die individuelle Ebene der Reproduktion, Problematisierung und des Bezuges auf offizielle Ordnungssysteme adressiert.

Vorträge

Die symbolische Ordnung des Migrationshintergrundes in der amtlichen Statistik – Kontinuität der ethno-nationalen Abstammungsgemeinschaft

Anne-Kathrin Will & Léa Renard (Berlin)

„Es ist doch nur Statistik“!? – Aneignungsstrategien der Bezeichnung „Personen mit Migrationshintergrund“ in der Lebenswelt und ihre Auswirkungen auf Mitgliedschaftsvorstellungen der damit Bezeichneten

Olga Böhm

Reframing als widerständige Praxis – Die Adressierung von Studierenden ‚mit Migrationshintergrund‘ und deren Umgangsstrategien im Raum Hochschule

Chripa Schneller